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Walter Oehling

Camilla Aytoun, ein schottisches Edelfräulein auf dem Friedhof St. Oranna bei Berus

Du Sproß vom Königsstamme, weit kamst du übers Meer ... beginnt die 2. Strophe des Orannaliedes, dessen Text von dem blinden Lehrer Theodor Lerond aus Cocheren kurz vor dem ersten Weltkrieg verfaßt wurde. Anna Maria Zillgen, die Tochter von Josef Zillgen (von 1847 bis 1884 Lehrer in Berus), hatte Lerond, einem Kollegen ihres Mannes Peter Beining, die Geschichte der heiligen Frau erzählt. Dabei hatte er beklagt, daß bei der alljährlichen Wallfahrt nach Dorannen eigentlich ein Lied zur heiligen Oranna fehle. Aus den Erzählungen von Maria Beining geb. Zillgen hatte Lerond den Text gedichtet. Ein anderer Kollege Beinings, Michael Zurluth aus Saint-Jean-des-Choux (St. Johann bei Saverne), komponierte dazu die Melodie. 1918 trug der Beruser Kirchenchor unter Leitung seines Dirigenten Michael Bedersdorfer erstmals die ersten drei Strophen des Orannaliedes vor.

Was Beining über die Herkunft der heiligen Frau in seinem Lied festgehalten hat, wird zehn Jahre später in dem Buch Von einer Heiligen und ihrem Dorf präzisiert. Der Autor Hermann Joseph Becker schreibt dort1, daß Oranna eine Schwester des heiligen Wendalinus2 sei. Daraus folgert er, daß ihre Eltern der irisch-skotische Vizekönig Frochard und dessen Gemahlin Ivelina sind. Im Heimatkalender Der Bote von der Saar von 19293 findet sich darüber hinaus ein Gedicht über Sancta Oranna von Lothar Mundan, das mit folgenden Versen beginnt:

schloss1.jpg

Stammschloß der Familie Aytoun >Inchdairnie< in Schottland


  Von den grünen Ufern Irlands floh die kleine Barke, floh vor königlichen Freiern und des Thrones Ehren. Ins Sigambrerland trug dann die starke Jungfrau keuschen Leib und seelisches Begehren ...    


Diese Thesen von der königlichen Abstammung der heiligen Oranna versucht Pater Alois Selzer4 1936 etwas abgeschwächt so zu erklären:

 

Die mittelalterliche Heiligenverehrung und Legende hat das leicht erklärliche Bestreben, besonders bei gefürsteten oder gar königlichen Heiligen auch ihre Angehörigen zur Altarehre zu erheben oder ihnen hl. Verwandte beizugesellen, ja förmliche Heiligen-Genealogien aufzustellen. So ward auch St. Wendelin, dem königlichen Prinzen, eine hl. Schwester beigegeben, die ihm nachgefolgt aus der irischen Heimat und in seiner Nähe ein hl. Einsiedlerleben geführt haben soll ... Oranna ist eine typische Legendenheilige, von der alle sicheren geschichtlichen Nachrichten über ihr Leben fehlen. Einzig ihr Grab in Eschweiler ist bezeugt, aber auch reichlich spät. Wann sie gelebt, ist nicht sicher festzustellen, angeblich im 14. Jahrhundert; erst im 15. Jahrhundert ist ihre Verehrung nachweisbar.

 
 


Da man nichts Näheres über sie wußte, wurde sie bei der Erhebung ihrer Gebeine 1480 allgemein nur Oranda genannt (nullam posteris transmiserit notitiam, vulgato et Communi nomine Oranda vel Oranna nuncupantur)5. Die Namensform Oranda (= die Anbetenswerte, die Anzurufende1) wurde schon bald zu Oranna abgeschliffen. Von da war es zur volksetymologischen Deutung Ohr-Anna nicht mehr weit. Orannas Hilfe erflehte man in der Folge verstärkt bei Ohren-Krankheiten und Taubheit.

Der alte Friedhof an der Orannakapelle

Machen wir einen zeitlichen und thematischen Sprung. Nachdem ein Rechtsstreit zwischen der katholischen Kirchengemeinde Berus und der Zivilgemeinde Altforweiler gerade noch verhindert werden konnte, verzichtete letztere am 22. November 1948 auf ihre Besitzansprüche an der Orannakapelle6. Die Art der Übereignung der beiden Kapellengrundstücke (insgesamt 9,65 Ar) war nicht gerade glücklich zu nennen, und seitens der Altforweiler Gläubigen fand der Verzicht auf "ihre" Kapelle nur wenig Zustimmung. In dem Verkaufsakt von 1948 mag zudem das abgekühlte Verhältnis und die deutliche Verstimmung zwischen dem damaligen Beruser Pfarrer Wilhelm Kornelius und seinem Amtsbruder in Altforweiler, Johannes Strupp, begründet gewesen sein, was den Leuten beider Pfarreien in den fünfziger Jahren nicht verborgen geblieben war. Hinzu kam, daß die Kirchengemeinde Berus am 31. August 1951 über einen Mittelsmann die Ländereien des ehemaligen Orannahofes (insgesamt 971,55 Ar) erworben hatte7.

Ein weiteres Ereignis aus der Nachkriegszeit schlug den Leuten aus Altforweiler nicht minder schwer aufs Gemüt: Der Friedhof um die Orannakapelle (Abb. 1) sollte eingeebnet werden, jene Begräbnisstätte, wo die Toten der Gemeinde Altforweiler seit vielen Jahrhunderten bis zum Jahr 1923 ruhen (vgl. Inschrift auf dem 1957 errichteten Denkmal mit der Schmerzhaften Muttergottes in der Westecke des Friedhofes St.Oranna)8. Eine der letzten Aufnahmen des alten Doranner Friedhofes zeigt Pilger aus Altforweiler im Jahre 1948 in diesem westlichen Teil, welcher der Kapelle vorgelagert und etwas tiefer gelegen war (Abb. 2).

Der Kirchhof um die Orannakapelle wurde in den fünfziger Jahren eingeebnet. Von den vielen Gräbern in Dorannen sind uns heute nur noch zwei erhalten geblieben: Eins im Westteil (hier liegt ein Gefallener aus dem ersten Weltkrieg) und ein zweites an der Stirnseite der Kapelle. Von diesem existiert nur noch die Grabsäule: Ein 1,77 m hoher, nach oben sich verjüngender Obelisk mit einer flachen Abdeckung als oberem Abschluß und einem zweistufigen, sechskantigen, 58 cm hohen Sockel (Abb. 3 und 4). Ein Grabstein, in seiner Form und Gestaltung einmalig im Saarlouiser Raum! Er wurde zwar von der Einebnung verschont, wäre aber längst dem Verfall preisgegeben, wenn sich der damalige Kreisarchivar Gernot Karge in den Jahren 1982/83 nicht so intensiv um seine Restaurierung gekümmert hätte. Die Inschrift war Ende 1982 nur noch teilweise erkennbar; Teile des Steines im oberen Bereich waren bereits abgebrochen; zudem waren etliche Risse feststellbar. Laut Auskunft des Staatlichen Konservatoramtes stehen sowohl Grabstein als auch Kapelle unter Denkmalschutz. So konnte das Grabmal nach einem längeren Schriftwechsel durch die Untere Denkmalschutzbehörde beim Landratsamt Saarlouis und die Gemeinde Überherrn einer gründlichen Restauration unterzogen werden. Hinsichtlich der Inschrift unterlief ein kleines Mißgeschick (Margabetha statt Margaretha), im Grunde unwesentlich.

Die Grabsäule hatte schon immer an gleicher Stelle gestanden. Ursprünglich trug sie als oberen Abschluß ein schlankes gußeisernes Kreuz (siehe Abb. 1), das in den 50er Jahren durch ein etwas wuchtigeres ersetzt wurde, allerdings heute nicht mehr vorhanden ist. Nach der Einebnung des Friedhofes stand neben dem Obelisken noch ein zweites Grabdenkmal, das heute ebenfalls verschwunden ist (Abb. 5).

Was waren wohl die Gründe, daß diese Grabsäule vor einem vollständigen Verschwinden bewahrt wurde? Zweifelsohne war es zunächst die Einmaligkeit des Obelisken. Es kann aber auch der Einfluß der Nachkommen des früheren Gutsbesitzers und Ortsbürgermeisters Wilhelm Caspar gewesen sein, dessen Gemahlin vor über 150 Jahren in diesem Grab ihre letzte Ruhe gefunden hatte. Wilhelms letzter männlicher Nachfahr, sein Enkel Adolf Wilhelm Eugen Caspar - im Ort nur Gilljom (nach Guillaume = Wilhelm) genannt - war 1941 in Diefflen in der Evakuierung ledig verstorben und auf dem Friedhof in Altforweiler beerdigt worden. Es gab aber um 1955 noch andere Nachkommen von Wilhelm Caspar in Altforweiler und Berus, beispielsweise Adolfs Nichte Charlotte de Maringh († 1974 in Nennig), die im ehemaligen Gutshof in der Dorfstraße von Altforweiler wohnte9. Vermutlich erinnerte man sich noch der Verdienste von Wilhelm Caspar, der sich, neben der Madame Leinen, in den Jahren 1836-38 um den Bau der ersten Kapelle in Altforweiler sehr verdient gemacht hatte (diese Kapelle stand drei Häuser oberhalb des Wohnhauses von Wilhelm Caspar).

Johannes Kirschweng und das schottische Edelfräulein

Alle genannten Gründe mögen einleuchtend sein, entscheidend für den Erhalt des Grabes war jedoch meines Erachtens etwas ganz anderes, was auch für die Ortsfremden naheliegender ist. Auch dem Schriftsteller und Wadgasser Pfarrer Johannes Kirschweng war dies 1948 nicht verborgen geblieben, als er an seinem Roman der Schäferkarren10 arbeitete. Auf Seite 306 schreibt er dort von der Kapelle der heiligen Oranna, wo es auch einen Friedhof gab, zu dem die Leute aus Strupplingen im Tal seit tausend Jahren ihre Toten hinauftrugen (hinter Strupplingen verbirgt sich zweifelsfrei Altforweiler; Johannes Strupp war dort von 1920 bis zu seinem Tod 1958 Pfarrer, zuletzt Dechant gewesen). Der Weg, der zwischen Schlehenhecken und Rosenhecken hinaufführte, hieß schon im 17. Jahrhundert der Totenweg. Eine Straßenbezeichnung, die auch heute noch die gängige ist. Niemand von den Alteingesessenen in Altforweiler würde Orannastraße oder Zum Ottersberg sagen, wie die Straße seit der Gebietsreform heißt. Kirschweng berichtet dann weiter von den Zerstörungen der Grabkreuze durch Granaten (man denkt an die Schäden des 2. Weltkrieges!)11. Dann schildert er, wie ein junger Mann zum hundertsten Mal wieder vom seltsamsten Grabstein des Totenackers verlockt wird. Es war ein Obelisk, wie es landauf - landab keinen gab, und es stand darauf zu lesen:

Hier ruht in Gott
ELISABETH HUBER
geb. Viscountess Mac Neill
Edelmannstochter
aus Schottland
geb. in Edinburgh 17. 1. 1809
gest. in Strupplingen 12. 11. 1839
Vincit omnia amor.

 


Vergleicht man nun die Grabinschrift in Kirschwengs Roman mit der wirklichen auf der Grabsäule an der Orannakapelle (siehe Abb. 3 und 4), erkennt man sofort, wo der Dichter seine Vorlage herhatte. Sind auch Personen- und Ortsnamen mehr oder weniger geschickt verfremdet und mögen die Daten auf dem Grabstein auch nicht den tatsächlichen entsprechen; gemeinsam sind beiden Inschriften jedoch drei Wörter: Edelmann - Schottland - Edinburgh.



Verweilt man ein paar Augenblicke bei dieser Inschrift und gibt man der Phantasie freien Lauf, denkt man da nicht unwillkürlich an jenen jungen Edelmann aus dem fernen Schottland, den königlichen Freier, welcher, der Legende nach, seiner in unsere Lande geflohenen "Verlobten" Oranna nachgereist war. Nur durch das Ährenwunder hatte sich die heilige Frau damals dem Zugriff des früheren Verlobten entziehen können12.



So sehr man bisher nach Beweisen für die Herkunft von Irlands begnadeter Königstochter1 gesucht hatte, an dieser Grabinschrift konnte man sie nicht herauslesen. Und doch, hinter der Kapelle der Heiligen, hatte jemand seine letzte Ruhestätte gefunden, jemand von schottischem Adel, den es, wie die heilige Frau, in das Land an der Saar verschlagen hatte. Wenn man schon in den fünfziger Jahren viele Altforweiler Familien um die Grabstätten ihrer Altvorderen gebracht hatte, war es da nicht ein kleiner Trost, daß jenes Grab einer Frau verschont wurde, die ebenfalls weit übers Meer zu ihnen gekommen war? Jene edle Frau aus Schottland, der es in dem kleinen Dorf am Fuße des Beruser Berges so gut gefallen hatte, ist für immer bei ihnen geblieben. Daß man von ihr nicht mehr wußte als von der heiligen Oranna, störte niemanden. Wichtig war, daß jeder, in rotem Sandstein eingemeißelt, lesen konnte, daß ein schottisches Edelfräulein seine neue Heimat in dem unbedeutenden Vorort der Bergfeste Berus und ihre letzte Ruhestätte dort gefunden hatte, wo seit über fünf Jahrhunderten das Grab einer anderen Frau urkundlich nachgewiesen ist, die vermutlich aus dem gleichen Land hierher zu uns gekommen war. Viel Zeit ist vergangen, seit die Tochter eines schottischen Königs im 7. Jahrhundert mit ihren Brüdern Wendelinus und Fiakrius sowie ihrer Freundin Cyrilla zu uns her nach Lothringen wanderte und Oranna und ihre Gefährtin sich auf einer lieblichen Höhe, dort, wo das lang verschwundene Dorf Eschweiler gestanden hat, inmitten der schönen Beruser Landschaft niederließen13. Über eintausend Jahre später ist ihr ein zweiter Sproß vom Königsstamme in unsere Lande gefolgt. Genau wie ihre "Vorgängerin" hat sie ihre letzte Ruhe bei jener einsam gelegenen Kapelle auf dem südlichen Ausläufer des Saarlouiser Gaues gefunden.



Wer war nun diese Frau, die sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts aus Edinburgh in Schottland hierher verirrt hatte? Hören wir, was der junge Mann in Kirschwengs Roman über Elisabeth Huber Viscountess Mac Neill, Edelmannstochter aus Schottland wußte:



 

Ihr Vater interessierte sich für die Kohlengruben des Saarlandes und machte eine Reise, um an Ort und Stelle die Verhältnisse zu prüfen. Dabei nahm er seine 23jährige Tochter mit. Ein junger Bauer aus Strupplingen, bei dem sie aus irgendeinem Reisezufall Wagen und Pferde für einen Tag einstellen mußten, gefiel ihr so, und sie gefiel ihm so, daß das schottische Edelfräulein gegen alle Widerstände des Vaters und der ganzen Sippe eine Strupplinger Bauersfrau wurde. Sie war es sieben Jahre, wie es jetzt immer noch hieß, in großem Glück. Dann starb sie. Ihren einzigen Sohn zog es als jungen Mann nach England. Er wurde dort ohne Hilfe seines unversöhnlichen Großvaters sehr reich und starb ohne Kinder. Aber in Strupplingen gab es noch Nachkommen der Schwestern des jungen Bauern. Sie waren stolz auf "ihre Tante, die englische Gräfin", und ließen ihr Grab nicht im Unkraut versinken.  

 


So weit zu dem, was uns der Dichter zu berichten wußte. So oder so ähnlich könnte es sich damals abgespielt haben: etwas Romantik à la Hedwig Courths-Mahler, gepaart mit den Folgen einer nicht standesgemäßen Verbindung. Kirschweng hat die sieben Jahre des schottischen Edelfräuleins in Altforweiler treffend beschrieben. Hinsichtlich der Vorgeschichte, auch was den Sohn in England betrifft, irrte er sich zwar ein wenig. Kirschwengs Verdienst ist es jedoch, daß es ihm, wie keinem anderen saarländischen Dichter gelang, das mystisch-geheimnisvolle Wirken um die heilige Oranna in die leicht verfremdete Kulisse des Beruser Berges einzutauchen, wobei tatsächliche Ereignisse und Begebenheiten in Ansätzen lebendig werden.



Entgegen Kirschwengs Grabinschrift sagt der Text auf dem Grabstein an der Orannakapelle nichts über Geburtsort und -datum des schottischen Edelfräuleins. Nachzulesen ist, daß Maria Camilla Aytoun die Tochter von Iohn Aytoun, scotlaendischem Edelmann aus Edinburg abstammend von Inchdarny war. Ein Landgut Inchdairnie, zur Pfarrei Kinglassie bei Kirkcaldy gehörig, gab es tätsächlich in der schottischen Grafschaft Fife. Es lag etwa 25 Kilometer Luftlinie nördlich von Edinburgh jenseits des Firth of Forth, jener Meeresenge, die Südschottland von den übrigen Landesteilen trennt. Ein Blick auf die Landkarte verrät weiter, daß es im äußersten Südosten Schottlands in der Grafschaft Berwickshire, gerade 5 Kilometer von der Nordseeküste entfernt, einen Ort mit dem Namen Ayton gibt. Das läßt hoffen, denn die Angaben auf dem Grabobelisken finden im Atlas anscheinend eine Bestätigung.

Weitere 20 Seiten in Unsere Heimat Heft 1, 2002
Auf der Suche nach den schottischen Vorfahren:
Die Adelsfamilie Aytoun of Inchdairnie:
John Aytoun:
Wappen der Familie Aytoun:
Camillas Wurzeln im Lothringischen:

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